CONSUL GENERAL
Muslim Engagement American Style
Generalkonsul Eric Nelson
München, 10. April 2008
Es gilt das gesprochene Wort
"Muslim Engagement American Style" lautet unser Thema heute Abend.
"Muslim Engagement" – was ist damit eigentlich gemeint?
"American Style" – wie gehen wir in Amerika damit um?
Meine Damen und Herren, liebe Gäste:
Ich will unser heutiges Thema vor allem aus meiner persönlichen Sicht als Diplomat betrachten.
Nach dem Motto "All politics is local" möchte ich anschauliche Beispiele aus meiner Arbeit hier in Bayern bringen.
Beginnen möchte ich jedoch mit einem Zitat:
"People do not inquire concerning a stranger, What is he? but What can he do? If he has any useful art, he is welcome; and if he exercises it… he will be respected by all who know him."
Ist dies der Werbetext eines "global players?"
Sucht hier eine amerikanisches Unternehmen dringend qualifizierte Arbeitskräfte?
Will die Firma hervorkehren, wie "multikulti" sie ist?
Ganz falsch.
Benjamin Franklin, der große pragmatische Staatsmann, hat diesen Rat an potentielle Einwanderer gerichtet. Das war im Jahr 1782.
Gerade mal sechs Jahre zuvor war Amerika erst als Staat entstanden. Űbrigens, es waren deutsche Einwanderer in Franklins Heimatstaat Pennsylvania, die ihn zu dieser Erkenntnis gebracht hatten. Sie waren fleißig und ordentlich und trugen so erheblich zum Wirtschaftswachstum bei.
Benjamin Franklin hatte erkannt, dass es in dem jungen Staat nicht auf ethnische oder religiöse Identität ankam. Haltung und Handeln des Einzelnen waren wichtiger für das Selbstverständnis Amerikas.
Die amerikanische Verfassung war dann im Jahr 1787 unter Dach und Fach. Die Bürger forderten jedoch eine Niederschrift ihrer Grund- rechte ein. In zehn Zusatzartikeln, der so genannten Bill of Rights, wurden diese festgeschrieben.
Der erste Zusatzartikel garantiert die ungehinderte Ausübung der Religion. Zusammen mit Redefreiheit und den fest verbrieften Werten Demokratie und Individualismus bildet die Religionsfreiheit das Fundament der amerikanischen Gesellschaft und gewährleistet deren Zusammenhalt. Das ist ein wichtiger Aspekt des "American style."
Gerade die ungehinderte Ausübung der Religion war es, die über Jahrhunderte hinweg so viele Menschen aus allen Teilen der Welt in unser Land brachte. Der Islam ist eine dieser Religions-gemeinschaften.
Es gibt keine gesicherten Zahlen, wie viele Muslime in den Vereinigten Staaten leben. Unser statistisches Bundesamt erhebt keine Statistiken nach Religionszugehörigkeit. Deshalb gehen die Schätzungen weit auseinander. Sie schwanken zwischen einer und sechs Millionen Muslime in den USA. Wahrscheinlich liegt der richtige Wert so etwa in der Mitte.
Laut einer Umfrage sind fast zwei Drittel der in den USA lebenden Muslime nicht in den USA geboren. Davon sind die meisten seit 1990 eingewandert.
Es gibt mehr als 1200 Moscheen in den USA – verteilt auf alle 50 Bundesstaaten. Die meisten Moscheen stehen in Kalifornien, unserem bevölkerungsreichsten Bundesstaat. Übrigens, die erste Moschee entstand im Bundesstaat Maine. Albanische Muslime hatten sie dort schon im Jahr 1915 gegründet.
Siebzehn Prozent der amerikanischen Gesamtbevölkerung verdienen mehr als 100.000 $ pro Jahr. Bei den amerikanischen Muslimen liegt der Anteil bei sechzehn Prozent - damit sind die Muslime fast gleichauf mit dem Landesdurchschnitt.
Was will ich mit all diesen Zahlen sagen?
Ich möchte betonen, dass Muslime in den USA integrierter Teil der Gesellschaft sind. Die Geschichte meines Landes hat von Anfang an auf Integration von Einwanderern gesetzt. Eine der ersten Amtshandlungen unseres ersten Präsidenten George Washington war, der Hebräischen Kongregation von Rhode Island im Jahr 1790 zu versichern, dass er keine Diskriminierung von Religionsgemeinschaften dulde:
"to bigotry no sanction, to persecution no assistance" waren seine Worte.
Das ist im Laufe der Geschichte eines der Grundprinzipien unseres Landes geblieben. Vor mehr als 50 Jahren, im Jahr 1957, eröffnete Präsident Eisenhower das Islamische Zentrum in Washington und betonte dabei:
"It is fitting that we re-dedicate ourselves to the peaceful progress of all men under one God. And I should like to assure you, my Islamic friends, that under the American Constitution, under American tradition, and in American hearts, this Center, this place of worship, is just as welcome as could be a similar edifice of any other religion. Indeed, America would fight with her whole strength for your right to have here your own church and worship according to your own conscience. This concept is indeed a part of America, and without that concept we would be something else than what we are." Zitat Ende.
Diese Worte hat übrigens Farah Pandith vor einem halben Jahr hier im Amerika Haus ebenfalls zitiert.
Das war bei der Gedenkfeier zum 11. September.
Farah Pandith ist im amerikanischen Außenministerium im Jahr 2007 zum "Special Advisor for Muslim Engagement" ernannt worden. Wir waren sehr stolz, dass sie damals - schon so bald nach ihrer Ernennung - nach München kam.
Liebe Gäste, falls Sie es nicht bemerkt haben sollten: wir sind schon mitten im Werbeblock.
Umschalten gilt nicht, denn schließlich wollten sie ja von unseren Erfahrungen hören.
Ich möchte Ihnen erzählen,
was wir erreicht haben,
was wir momentan tun,
und was wir in Zukunft planen
– hier im US-Konsulat, in der Botschaft und von Washington aus.
Nach den Terroranschlägen des 11. September haben wir unsere Initiativen zur Integration von Muslimen in Amerika und außerhalb Amerikas intensiviert und neu konzipiert.
Im Jahr 2005 hatte mein Vorgänger die Idee zu einem "Iftar-Dinner". Er lud zum traditionellen Fastenbrechen während des Ramadan in sein Haus ein. Ich habe in den letzten beiden Jahren die schöne Tradition fortgeführt. Das ist für mich eine gute Gelegenheit, Muslimen zuzuhören, mit ihnen zu reden und von ihnen zu lernen. Besonders stolz bin ich, dass letztes Jahr der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude und Frau Staatsministerin Beate Merk auch Gäste des Iftar-Dinners waren. Der amerikanische Botschafter Timken und seine Frau Sue waren dabei Mitgastgeber und Ehrengäste.
In den Vereinigten Staaten laden übrigens offizielle Regierungsstellen schon seit mehr als zehn Jahren zu Iftar-Dinners ein. Dieser wertvolle Beitrag zum Dialog der Kulturen macht nicht immer die großen Schlagzeilen. Aber er löst wichtige Impulse aus. Er ist ein bedeutender Meilenstein auf unserem Weg, bestehende Brücken ein wenig breiter zu machen.
Ein besonders wichtiger Bestandteil des Integrationskonzepts für das US-Generalkonsulat sind Programme für junge Muslime. Sie sind meist bei Austauschprogrammen unterrepräsentiert. Das haben wir zum Anlass genommen, speziell diesen und anderen jungen Leuten mit Migrationshintergrund eine 10-tägige Reise in die USA zu ermöglichen. Wir wollen, dass sich die jungen Leute selbst ein Bild von unserem Land machen. Sie sollen Vorurteile abbauen und unsere Gastfreundschaft kennen lernen. Die Initiative wurde von US-Botschafter Timken und seiner Frau ins Leben gerufen. Sie wird von amerikanischen und deutschen Unternehmen finanziell unterstützt. Letztes Jahr konnten wir unserer ersten "Windows on America"-Gruppe aus Bayern einen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten ermöglichen. Ich kann Ihnen versichern: die Kids waren begeistert. In ihrem Blog – übrigens von Focus-Schule ins Netz gestellt - schreibt eine Teilnehmerin:
"Der Aufenthalt in den USA gab mir nicht nur Antworten auf meine Fragen, sondern weckte in mir eine regelrechte Begeisterung für das Land."… "Ich habe neue Kenntnisse über die amerikanische Kultur, Geschichte und das Leben in den Staaten gewonnen, die ich mit anderen teilen möchte." Zitat Ende.
Besonders beeindruckt war sie von der Tatsache, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft vorbehaltlos als Amerikaner fühlen und definieren.
Über solche Komplimente freuen wir uns natürlich sehr. Noch mehr freut uns, dass die deutsche Bundeskanzlerin Merkel das "Windows on America"-Programm ganz besonders gut findet.
Wir können natürlich nicht allen Jugendlichen mit Migrations-hintergrund eine Reise in die USA ermöglichen. Deshalb haben wir uns überlegt:
Wie sonst können wir Begeisterung bei den Jugendlichen wecken? Die Lösung war schnell gefunden:
Mit Tanz, mit Musik, mit Bühnenpräsenz. Ein amerikanischer Regisseur und Komponist – Todd Fletcher – fand unsere Idee genial. Er erarbeitete zusammen mit Berliner Schülern das Musical "Streets of Wedding" – in englischer Sprache. Das Musical zeigt Szenen aus dem Alltag der Jugendlichen im Berliner Stadtteil Wedding. Ungefähr 80 Prozent der Mitwirkenden sind nichtdeutscher Herkunft aus rund 27 verschiedenen Ländern. Die jungen Leute konnten selbst mitgestalten, mittanzen, mitsingen.
Der amerikanische Botschafter Timken und seine Frau setzten sich seit der ersten Stunde mit ihrer Schirmherrschaft für das Projekt ein. Dank großzügiger Unterstützung des Bundesinnenministeriums waren die jungen Künstler gerade auf Deutschlandtournee. Vor drei Wochen begeisterten die Nachwuchs-Stars auch hier in Bayern ihr Publikum. Wir suchen übrigens Sponsoren, die uns helfen, das Musical hier nach München zu bringen.
Für eine Schülergruppe aus dem Berliner Stadtteil Wedding ging ein Traum in Erfüllung.
Für uns ist es ein besonders erfolgreiches Projekt unseres Integrationskonzepts, das vor allem jugendliche Muslime mit einbezieht.
Nächste Woche verwirklichen wir ein sehr ehrgeiziges Projekt. Zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk als Medienpartner und dem Bündnis für Demokratie und Toleranz haben wir 120 Jugendliche in die Räume des Bayerischen Rundfunks eingeladen. Die jungen Leute kommen aus vier verschiedenen Schultypen: von der Hauptschule, der Berufsschule, der Gesamtschule und vom Gymnasium – also eine bunte Mischung mit einem großen Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Wir wollen gemeinsam mit den Jugendlichen und Medienvertretern über das Bild der Jugendlichen in den Medien reden. Die Betonung liegt auf "mit", das heißt, es soll kein Gespräch über Jugendliche werden.
"Wie seht Ihr uns?" lautet das Thema der Veranstaltung. Es soll auch nicht nur beim Gespräch bleiben. Die Vorstellungen der Jugendlichen, wie sie sich selber sehen, sollen in einem Filmprojekt umgesetzt werden.
Jetzt werden Sie sagen: Deutsche Behörden und Organisationen unterstützen doch ohnehin Jugendliche mit Migrationshintergrund mit vielfältigen Integrationsprojekten. Was hat denn das amerikanische Konsulat damit zu tun?
Botschafter Timken erklärt es so:
"We are simply doing what Americans are doing. We are reaching out to people and let them know that we care about them."
Wir wollen auch ganz einfach nur lernen und zuhören. Unsere Außenministerin Condoleezza Rice betont immer wieder auf Auslandsreisen, dass es ihr vor allem darum ginge:
"To learn and to listen."
All die Initiativen, die ich Ihnen vorgestellt habe, sind gemeinsame Projekte der amerikanischen Botschaft und der Konsulate. Natürlich haben wir neben Austauschprogrammen für Jugendliche auch Besucherprogramme für Journalisten, Politiker und Vertreter verschiedener Religionen sowie von Nichtregierungsorganisationen. Das alles fügt sich ein in das viel größere Konzept unserer "Citizen diplomacy"- Projekte. Menschen aller Kulturen und aller Religionen sollen sich begegnen und besser kennen lernen.
Wir wollen Klischees abbauen.
Wir wollen Verständnis füreinander wecken.
Wir wollen interkulturelle Kompetenz fördern.
Wie unterstützt Washington dieses Integrationskonzept?
Mit Initiativen und Dialogen auf allen Ebenen.
Die ideale Voraussetzung für jeden Dialog ist, die Sprache des anderen zu sprechen. Deshalb hat das amerikanische Außenministerium für den diplomatischen Dienst eine Liste von "critical needs languages" erstellt. "Critical needs languages" sind zum Beispiel Arabisch, Chinesisch, Farsi und Urdu. Seit 2001 hat sich im amerikanischen Außenministerium die Zahl der Teilnehmer an Arabischkursen fast vervierfacht.
Präsident Bush kündigte im Februar dieses Jahres eine "neue Dimension" im Dialog mit Muslimen in aller Welt an. Zum ersten Mal ernannte er einen muslimischen Sonderbotschafter zur Organisation der Islamischen Konferenz. Das ist eine zwischenstaatliche, internationale Organisation von 57 Staaten der islamischen Welt. Der neue US-Sonderbotschafter Sada Cumber sieht seine Aufgabe vor allem darin:
"The United States is a country that protects Muslim values, promotes respect for Muslim traditions, and hopes to work more closely with Muslim countries on creating new understanding and new relationships."
Ich habe bereits Farah Pandiths Besuch hier im Amerika Haus erwähnt. Sie ist Sonderberaterin im amerikanischen Außenministerium für muslimische Integration. Sie ist Amerikanerin und Muslima.
Im ersten Jahr ihrer Amtszeit hat sie mehr als vierzig europäische Länder besucht.
Sie hat mit Schulklassen diskutiert.
Sie hat bei Literaturseminaren gesprochen.
Sie hat Dialoge mit Parlamentsvertretern geführt.
Sie hat Journalisten Rede und Antwort gestanden.
Bei ihren Gesprächen hat sie immer wieder drei wichtige Aspekte in den Mittelpunkt gestellt.
• Erstens: Islam und Demokratie sind kompatibel.
• Zweitens: Muslime sind in der amerikanischen Gesellschaft fest verankert.
• Drittens: Muslime distanzieren sich ganz ausdrücklich von denjenigen, die den Islam missbrauchen wollen.
Auch andere amerikanische Regierungsvertreter versuchen bei ihren Besuchen im Ausland, den interkulturellen Dialog zu fördern.
Karen Hughes, die ehemalige Staatssekretärin für public diplomacy im Außenministerium, wollte eine junge Türkin in Deutschland in ihrer türkischen Gemeinde besuchen. Nein, danke, war die ehrliche Antwort. Mit Regierungsvertretern – egal aus welchem Land - wollten sie sich nicht treffen.
Staatssekretärin Hughes ließ nicht locker und hatte schließlich Erfolg. Die muslimische Gemeinde hatte großes Interesse daran, sich ganz privat mit Muslimen aus Amerika zu treffen, die nichts mit der Regierung zu tun hatten.
Dies war die Geburtsstunde von "Citizen Dialogue", einem Begegnungs-Programm, das inzwischen in vielen Ländern der Welt sehr erfolgreich ist. Amerikanische Muslime aus allen Berufsgruppen und sozialen Schichten besuchen Jordanien, Pakistan, Indien oder Europa und werben für Verständnis zwischen Menschen verschiedener Religionen. Diese people-to-people-Programme sind von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, Missverständnisse und Vorurteile abzubauen.
Bei diesen Begegnungen von Mensch zu Mensch steht das tägliche Leben im jeweilig anderen Land im Vordergrund. Dazu einige Beispiele aus meinem Land:
• Im Kapitol in Washington gibt es an Freitagen ein festes Gebetsangebot für muslimische Kongressangestellte.
• Viele amerikanische Firmen erlauben ihren muslimischen Arbeitnehmern, ihre Urlaubspläne ihren religiösen Vorschriften anzupassen.
• Das Unternehmen Texas Instruments hat sogenannte "serenity rooms" eingerichtet, in denen Muslime ihre täglichen Gebete verrichten können.
• Ebenfalls bei Texas Instruments hat man während des Ramadan die in Amerika so beliebten "working lunches" abgeschafft.
• Die Flughäfen von Indianapolis, Phoenix und Kansas City – also nicht etwa nur die großen Metropolen - haben für Muslime Möglichkeiten für ihre rituellen Fußwaschungen geschaffen.
Liebe Gäste:
Wie Sie sehen, es gibt viele Möglichkeiten, einander mit Respekt zu begegnen und voneinander zu lernen. Wir alle – Muslime und Nichtmuslime - haben die gemeinsame Verantwortung für ein friedvolles Miteinander auf der ganzen Welt.
Jetzt ist die Zeit des Dialogs, der Kooperation und des gemeinsamen Handelns.
Ich danke Ihnen.


